In Schleswig-Holstein werden durch eine private, aber gemeinnützige Wirtschaftakademie Ärzte auf einen Job in Schweden vorbereitet, wie die Ärztezeitung in ihrer Onlineausgabe berichtet.
Nun diskutieren Politik und Bürger darüber, ob die Akademie damit der deutschen Volkswirtschaft schade, immerhin wurden in den vergangenen 7 Jahren rund 100 Ärzte auf den Einsatz in Schweden vorbereitet. Manch einer fordert, die Ärzte, die dem Ruf nach Schweden folgen, sollten ihre Ausbildung rückwirkend an den deutschen Staat zurückzahlen. Besonders schön die Äußerungen des FDP-Abgeordneten Ekkehard Klug (!):
Volkswirtschaftlich sei die Vermittlung der fertigen Ärzte durch die IHK Unfug.
Auch der CDU-Wirtschaftsminister Austermann will der “Fluchthilfe” einen Riegel vorschieben.
Mich beunruhigt diese Art und Weise des Umgangs mit diesem Problem. Zum einen wird mal wieder versucht das Symptom zu behandeln statt der Krankheit. Das junge deutsche Ärzte ins Ausland gehen, hat etwas mit der beruflichen und gesellschaftlichen Situation hierzulande zu tun. Den Schweden die Schuld zu geben, dass sie bessere Arbeitsbedingungen bieten, erinnert mich an Gerhard Schröder und Hans Eichel, der sich bei seinem damaligen Finanzministerkollegen aus Warschau über zu niedrige Steuern in Polen beklagte, weil dann für Deutschland der Wettbewerb zu hart würde. Anstatt in Deutschland für angemesse Arbeitsbedingungen und ordentliche Bezahlung der Ärzte zu sorgen, will man ihnen die Ausreise mit 150.000 Euro Gebührenrückzahlung vermiesen, noch dazu innerhalb der EU. Ganz abgesehen davon, dass ich auf die Urteile des Bundesverwaltungs- und -verfassungsgerichts sowie des EuGH gespannt wäre, die zweifelsohne irgendwann kommen würden, würde diese Praxis tatsächlich umgesetzt, gibt es noch einen historischen Aspekt den man nicht außer acht lassen darf: Der letzte Versuch in Deutschland, die Abwanderung von qualifizierten Bürgern zu stoppen, führte zum Bau der Berliner Mauer.
Umso schlimmer, dass sich ein FDP-MdL an dieser Debatte derart beteiligt.
Gerade läuft: “Turn Me On” von Kevin Lyttle
UPDATE:
Matthias Wallenfels schriebt:
Für die betroffenen Ärzte ist es beschämend, wenn man ihnen mehr oder weniger deutlich durch die Blume gesprochen bedeutet, sie sollten den von ihnen gewählten freien Beruf doch, bitte schön, in Deutschland ausüben und nicht zur verbesserten Versorgung von Patienten in einem anderen Land beitragen.
Umgekehrt wird ein Schuh draus: Schafft man von Seiten der verantwortlichen Politik in einem demokratisch legitimierten Umfeld genügend materielle und immaterielle Anreize, dass eine Niederlassung als Haus- oder Facharzt wieder verstärkt als attraktive berufliche Option wahrgenommen wird, dann wird sich die Frage der schleichenden Abwanderung bald nicht mehr stellen - oder sich zumindest in ihrem Ausmaß reduzieren.
Dem ist wenig hinzuzufügen. Ich habe an den o.g. FDP-Abgeordneten erstmal eine E-Mail geschrieben. Mal sehen, was da kommt.
Gerade läuft: “Stamping Ground” aus dem Big Lebowski Soundtrack